Sigmar Gabriel Lichterfelde,
07.12.2006
SPD MdB
Deutscher Bundestag
Platz der Republik 1
11011 Berlin
Geplante
Sondermüllverbrennungsanlage in Eberswalde
Sehr geehrter Herr Bundesminister für Umwelt, Naturschutz
und Reaktorsicherheit,
sehr geehrter Herr Gabriel,
da Sie in den nächsten Tagen die
Stadt Eberswalde besuchen werden, möchte ich diese Gelegenheit nutzen, um Sie
auf ein Problem dieser Region aufmerksam zu machen, welches hier viele Menschen
stark beunruhigt und uns einfach nur Angst macht. Ich selbst bin Einwohnerin
der Ortschaft Lichterfelde, die sich in unmittelbarer Nähe des Betriebsgeländes
der Firma Theo Steil GmbH befindet. Die ersten Wohnhäuser sind nur ca. 400 m von
der Anlage entfernt. Mein Anliegen trage ich Ihnen als Mitglied der Bürgerinitiative für eine gesunde Umwelt
Schorfheide, aber auch ganz besonders als Mutter von drei Kindern im Alter von
3, 7 und 9 Jahren vor.
Hier in Eberswalde befindet sich direkt am Oder-Havel-Kanal die Firma
Theo Steil GmbH. Diese ist seit mehr als zehn Jahren in Eberswalde ansässig. Abgesehen
davon, dass diese Firma ein sehr unschönes Bild in der Waldstadt Eberswalde
abgibt, da sich dort riesige Müllberge auftürmen, gibt es inzwischen eindeutige
Hinweise, dass von der Anlage wie sie bereits besteht, ein hohes
gesundheitliches Risiko ausgeht.
Dies begründet sich
folgendermaßen: Die Firma erzeugt Schallpegel, die schon vor einigen Jahren an
einer Bushaltestelle in Lichterfelde in etwa 600 m Entfernung gemessen wurden, in
Höhe von 78 dB(A). Ständig sind die
Bürger von Eberswalde, Finow sowie von Lichterfelde dem unerträglichen
Industrielärm ausgesetzt. Beschwerden der Anwohner wurden jeweils kurz beachtet
und dann durch neue Anträge an das Landesumweltamt, die zur Genehmigung
führten, umgangen.
Als sich die Firma hier kurz nach
der Wende niederließ, waren Betriebszeiten von 8.00 Uhr bis 17.00 Uhr genehmigt
worden. Inzwischen müssen die Bürger es erdulden, dass von morgens 6.00 Uhr bis
abends 22.00 Uhr und sogar am Samstagvormittag Lärm erzeugt wird. Die
Belästigung geht nicht selten auch erheblich über den Zeitrahmen von 22.00 Uhr
hinaus. Auf einer öffentlichen Zusammenkunft, die zur Gründung einer Bürgerinitiative
in Eberswalde anberaumt wurde, gaben Mitarbeiter der Firma Steil sogar vor
vielen Anwesenden an, in Nachtarbeit bis vor kurzem noch in dieser Firma tätig
gewesen zu sein. Die Genehmigung zur Nachtarbeit ist von der zuständigen
Behörde bisher jedoch nicht erteilt worden. Die Mitarbeiter wurden damit
konfrontiert. Ihnen ist wohl erst hier klar gewesen, was sie hier öffentlich
bekannt gegeben haben.
Ein weiteres Problem ist die
Erzeugung von metallischen Feinstäuben, die im näheren Umfeld der Anlage gut
sichtbar und auch über den Geruchssinn wahrnehmbar sind. Wir wohnen etwa 900 m
von der Anlage entfernt und auch hier kann man den metallischen Geruch
wahrnehmen. Menschen, die näher am Betriebsgelände wohnen, können die
metallischen Feinstäube sogar schmecken und natürlich auch sehen.
Alle in den letzten Jahren
vorgebrachten Sorgen und Bedenken der Bürger wurden von der Firma mit Ironie
und Arroganz quittiert und umgangen. Dies zeigte sich in einem sehr laxen
Auftreten bei Zusammentreffen mit den Bürgern. Bei Fragen der Bürger wurden
gestellte Zwiegespräche vorgetragen, in
denen dann vor versammelter Bevölkerung die gestellten Fragen zwischen den
Geschäftsführern hin und her geschickt wurden. Einer Anwohnerin, die als Ärztin
im nahe gelegenen Krankenhaus arbeitet, wurde bei einem Zusammentreffen auf
ihre besorgten Einwände gegen die Lärmbelästigung geantwortet, ob Lärm ihrer
Meinung nach nicht etwas Schönes wäre.
Was ist von solchen Menschen zu
halten?
Es gibt genügend Anhaltspunkte,
dass das Landesumweltamt hier tätig werden könnte. Aber das Landesumweltamt ist
eben kein Umwelt – Schutz – Amt und erfüllt daher seit Jahren die Gesetze der
Bundesrepublik Deutschland, indem jeder neue (Erweiterungs-)Antrag der Firma
Steil genehmigt wird, ungeachtet der extrem nahe anwohnenden Bevölkerung. Es
werden die Gesetze eingehalten – Dienst nach Vorschrift eben. Gesundheitliche
Statistiken werden nicht erstellt – zu teuer – vielleicht könnte man die
auffallend hohe Zahl von Erkrankung der Atemwege sowie die hohe Krebsrate in
der Region in irgendeinen Zusammenhang bringen.
Die Bevölkerung im Raum
Eberswalde ist in starkem Maße aus DDR – Zeiten vorbelastet, denn hier befand
sich ein riesiges Schweinemastkombinat, in dessen Umfeld es zu einem
flächendeckenden Waldsterben kam – in 300 m Entfernung zur nächsten
Wohnsiedlung. Wir hatten eine chemische Fabrik, die den im Winter fallenden
Schnee innerhalb von zwei Tagen dreckiggrau färbte, es gab eine Papierfabrik,
die mit Chlorbleiche arbeitete etc. etc…
Nun plant, und hat beim Umweltamt
auch schon die Unterlagen eingereicht, die Firma Theo Steil GmbH, die ich ja
schon in dem Ist-Zustand als nicht mehr hinnehmbar schilderte, eine
Sondermüllverbrennungsanlage, die von der Firma selbst als EVA (Energetische
Verwertungs-Anlage) bezeichnet wird. Diese EVA, die hier im Volksmund einfach
nur als Müllverbrennungsanlage bezeichnet wird, gibt aber große gesundheitliche
Bedenken auf, angesichts der beantragten Ausstoßzahlen, die sich nicht am
derzeitigen Standard orientieren, sondern an gerade noch zulässigen
Grenzwerten, die wie wir befürchten dem Bundesumweltamt unangesehen der nahe
lebenden Bürger ausreichen könnten. Dies war bisher leider immer so!
Kontextbezogene Entscheidungsfindung fand bislang nicht statt.
Uns erwarten noch stärkerer
LKW-Verkehr, noch mehr Lärm (seit Jahren wurden uns Schallschutzwände
versprochen) noch mehr Staub, Ungeziefer und die Verunreinigung des
Grundwassers. In nur zwei km Entfernung befinden sich die Trinkwasserbrunnen
der Stadt. In einer nahe gelegenen Wohnsiedlung sind die Grundstückspreise von
einstmals 80 Euro (damals 160 DM) auf 26 Euro gesunken – es zieht niemand mehr
dort hin, obwohl noch viel Platz wäre.
Aber wo bleibt der Mensch und was
wird aus unseren heranwachsenden Kindern? Ich mache mir diesbezüglich sehr
große Sorgen, denn die Gefahr, die auf die Menschen zukommt, können wir
innerhalb unserer Bürgerinitiative durch die Mitarbeit von Chemikern und
Medizinern gut wissenschaftlich absichern. Es handelt sich hierbei also
keineswegs um Panikmache sondern um wissenschaftlich begründete Einwände.
Die besagte
Sondermüllverbrennungsanlage soll inmitten der schönen Schorfheide errichtet
werden. Wir haben hier ein Biosphärenreservat, welches verzweifelt gegen die
Austrocknung der Schorfheide kämpft. Es gibt hier einige schützenswerte
Naturschutzgebiete.
Im Bemessungsradius, der für den
Bau der Anlage veranschlagt wurde, befinden sich sechs Schulen, acht
Kindertagesstätten und vier Altenheime. Es würde also zuerst die Schwächsten
treffen, denn entsprechend den Informationen des Umweltnetzwerkes Hamburg
würden schon die nach ca. zehn Jahren zu erwartenden gesundheitlichen Folgen
viele Menschen, aber vor allem die Kinder und älteren Menschen treffen.
Direkt gegenüber der Firma Steil
befindet sich eine Großbäckerei, die schon bei allen anderen Projekten z.B.
einer seit einem Jahr arbeitenden Metall - Shredderanlage nicht involviert
wurde. Die über 170 Mitarbeiter fürchten nun um ihre Arbeit, im Gegenzug stellt
die Firma Steil 10 neue Arbeitsplätze in Aussicht. Diese zehn Arbeitsplätze
stehen sicher in keinem Verhältnis zu den vielen dann vernichteten
Arbeitsstellen z. B. auch im Tourismusbereich und der Gastronomie. Wer will
sich dann noch hier erholen – bis jetzt ist die Region noch beliebtes Ausflugsziel
besonders für die Berliner.
In örtlicher Nähe befindet sich
auch das Ökodorf Brodowin, welches vielfach für seine Tätigkeit und Produkte
ausgezeichnet wurde, dessen Produkte aber zum Teil im Eberswalde nahe gelegenen
Britz produziert werden. Auch bedenklich ist die Tatsache, dass in wenigen
hundert Metern Entfernung mehrere große Weiden sind, auf denen das Milchvieh
ganzjährig gehalten wird, sowie Felder, auf denen Gemüse angebaut wird.
Es gibt hier also viel zu
bewahren und darum bemühen wir uns. Wir sind uns aber auch dessen bewusst, dass
dieses der Hilfe höherer Ämter bedarf und auch die Einstellung von
umweltbewussten Menschen benötigt.
Wir hoffen, dass Sie derjenige
sind, der sich gleichermaßen angesprochen, aber auch berufen fühlt, etwas für
die Menschen hier zu tun.
Darum
bitten wir Sie sehr!
Ein weiterer Umstand ist bekannt
geworden: Die Firma Steil behauptet fortwährend, dass in Trier, wo sich der
Hauptsitz befindet, kein Platz für eine derartige Sondermüllverbrennungsanlage
wäre und rechtfertigt damit den hier gewählten Standort, der sicher nicht
zufällig im Osten gewählt wurde. Dies stimmt aber nicht, wie sich leicht mit
google earth widerlegen lässt. Außerdem würde der Bau dieser
gesundheitsschädlichen Anlage im Osten doch glatt mit 15% gefördert werden!
Und zu guter letzt ist offen
gelegt worden, dass die geplante Anlage im Jahr ca. 90 000 t Sondermüll bei nur 850(!)Grad Celsius
verbrennt und dass der größte Teil davon nämlich 38 000 t direkt aus Trier, 18
000 t aus weiteren Gebieten und lediglich 34 000 t aus Eberswalde selbst
kommen. Die in der Nähe befindlichen und derzeit genutzten Anlagen sind aber
gar nicht ausgelastet. Somit erwartet uns nicht nur steigende Arbeitslosigkeit
sondern auch noch eine gesundheitlich äußerst gefährliche Lebenssituation.
Es geht also nur um Profit,
obwohl die Firma seit Jahren schwarze Zahlen schreibt und sehr respektable
Zugewinne verzeichnet!
Mit freundlichen Grüßen
Silke Grünberg
Mitglied der Bürgerinitiative für
eine gesunde Umwelt – Schorfheide (BI-S)
www.mva-eberswalde.de